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30.05.2018

Mobbing in der Ausbildung

  • Junge, betrübte Frau, hinter ihr lästernde Kollegen

In Deutschland wurde 2015 jede vierte Ausbildung vorzeitig beendet. Mobbing spielte dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Es gibt allerdings zahlreiche Interventionsmöglichkeiten, damit es bei Konflikten gar nicht so weit kommt. Ihr könnt gegen Mobbing vorgehen. Wehrt euch!

Nichts ist so wichtig für eine gute Ausbildung wie die kollegiale Unterstützung. Verkehrt sich diese ins Gegenteil und wird zur Schikane, scheint manchmal der Ausbildungsabbruch der einzige Ausweg zu sein.

Hast du das Gefühl, deine Kollegen und Kolleginnen wollen dich fertigmachen? Oder behandeln dich andere Ausbildende nicht korrekt? Wir erklären, was Mobbing genau ist und wie du dagegen aktiv werden kannst – auch als JAV.

Was genau ist Mobbing?
Der Begriff ist vom englischen „to mob“ entlehnt und meint „jemanden anpöbeln“. Arbeitsrechtlich bedeutet Mobbing, das Betroffene systematisch angefeindet, schikaniert oder diskriminiert werden. Und zwar vom Arbeitgeber, von Vorgesetzten oder auch von deinen Kolleginnen und Kollegen. Dabei wird Macht ausgespielt mit dem Ziel, Betroffene aus dem Betrieb oder Unternehmen hinauszuekeln.

Oft ist die Ursache von Mobbing ein unausgesprochener Konflikt. Dieser wird subtil ausgetragen, als scheinbar gut gemeinte Kritik, die jedoch versteckte Abwertungen beinhaltet. Aber auch die offene Verweigerung von Hilfestellung durch Kolleginnen und Kollegen ist Mobbing.

Bin ich zu empfindlich oder versucht jemand, mich fertigzumachen?
Wir alle sind in der Arbeit und im Privatleben in Beziehungen eingebunden, in denen Konflikte auftreten können. Diese auszutarieren ist eine dauerhafte Aufgabe.

Mobbing kann und darf dabei jedoch kein Mittel sein, um Machtpositionen durchzusetzen oder jemanden „auszuschalten“. Denn Betroffene leiden enorm und können großen Schaden davontragen.

Die medizinischen Folgen von Mobbing
Wenn du gemobbt wirst, reagiert dein Körper mit Angst- und Stresssymptomen. Das Wissen, sich am nächsten Tag neuen Angriffen aussetzen zu müssen, kann zu verschiedenen körperlichen Beschwerden führen, beispielsweise Kopf- und Magenschmerzen oder Übelkeit. Auch Rückenschmerzen können ein Anzeichen sein, dass jemandem eben nicht „der Rücken gestärkt“ wird.

Die Betroffenen selbst sehen psychische Beschwerden häufig nicht direkt im Zusammenhang mit erlittenen Schikanen. Wenn du aber Probleme hast, dich zu konzentrieren oder häufig unsicher bist, kann das daran liegen, dass du permanent angegriffen wirst.

Wird eine unerträgliche Situation von Opfern als ausweglos wahrgenommen, können sich sogar Depressionen und Antriebslosigkeit bis hin zu Gedanken an Selbstmord entwickeln. Wenn du betroffen bist, wende dich an deine JAV!

Gemobbt werden immer die anderen?
Niemand möchte gern als „schwaches Opfer“ von Mobbing dastehen und natürlich möchte auch niemand als fieser Mobber gelten. Aber Mobbing und das damit verbundene „unwohle Gefühl am Arbeitsplatz“ ist weit verbreitet.

Welche Handlungen gelten als Mobbing?
Wenn dich Vorgesetzte, Kolleginnen und Kollegen nicht ausreden lassen oder auf deine Fragen nicht antworten, dann wirst du gemobbt. Auch unentwegte Kritik oder Kommentare zu deiner Arbeit oder deinem Privatleben sind ein Versuch, dich kleinzumachen. Extrem aggressive Akte von Mobbing sind schließlich Telefonterror, Drohungen oder Anschreien.

Vielleicht sieht deine Situation auch so aus: Bekommst du keine oder nur noch sinnlose Arbeitsaufgaben? Darfst du ohne zwingenden Grund keine Arbeiten machen, die deiner Qualifikation entsprechen? Werden dir Ausbildungsinhalte vorenthalten? Wirst du falsch beurteilt? Wirst du durch überfordernde Aufgaben als „dumm“ oder „unzuverlässig“ hingestellt? Wirst du obszön beschimpft oder sexuell belästigt? Wirst du lächerlich gemacht oder unterstellt dir jemand, psychisch labil zu sein?

Das Ziel ist in jedem Fall immer gleich: Betroffene sollen verunglimpft, ihr Selbstbewusstsein soll gebrochen werden. Dafür können beleidigende Kommentare zu persönlichen Einschränkungen, zur Nationalität oder auch zum Privatleben herhalten. Dagegen kannst und musst du dich wehren!

Was kannst du als Azubi tun?
Erkenntnis ist der erste Schritt zur Hilfe. Siehst du selbst die Situation klar, hast du vielleicht schon einen Ansatzpunkt, um sie zu verändern. Die Analyse kann dir helfen, dich weniger bedroht zu fühlen und bei Angriffen klarer zu kommunizieren.

Stell dir dazu folgende Fragen:

  • Warum verhält sich jemand dir gegenüber aggressiv?
  • Wo störst du mit deinem Verhalten vielleicht Interessen, Kompetenzbereiche oder Arbeitsperformance?
  • Kannst du einschätzen, ob du gemobbt wirst, weil sich jemand selbst verteidigen will oder ob jemand schlicht seine Macht an dir demonstrieren will?
  • Bist du persönlich mit den Angriffen gemeint oder geht es darum, dass du dich vielleicht besonders gut mit Chef, Chefin oder Vorgesetzten im Unternehmen verstehst?
  • Gibt es Konflikte auf persönlicher Ebene, die im Unternehmen ausgetragen werden?

Rein in die Offensive, raus aus der Opferhaltung!
Mobbing lässt in der Regel nicht aussitzen. Du solltest das Gespräch mit dem oder den Angreifenden suchen. Versuche dabei, sachlich zu bleiben und niemanden zu beleidigenden. Frag dein Gegenüber, warum es sich so verhält und zeig deine eigene Perspektive im Konflikt.

Manche Täterinnen und Täter lassen bereits von ihren Opfern ab, wenn sie so direkt konfrontiert werden. Denn sie merken in diesem Moment, dass das Opfer sich nicht in seine Rolle zwingen lässt und ihre Taten Konsequenzen haben kann.

Deine JAV kann dir bei der Vorbereitung dieses wichtigen Gesprächs helfen.

Einen Schritt voraus: das Mobbing-Tagebuch
Für den Fall, dass der Konflikt eskaliert, sind genaue Aufzeichnungen von Vorteil, die du ggf. beim Arbeitsgericht vorlegen kannst.

Deine Aufzeichnungen sollten dokumentieren:

  • Wer, wann, was, wie wo, warum: Beantworte diese Fragen möglichst genau und bei Aussagen wortwörtlich.
  • Notiere die Namen von Zeuginnen und Zeugen (z. B. deine ärztliche Praxis, Partnerin oder Partner, jemand aus deinem Betrieb oder deinem Freundeskreis), am besten gleich mit Anschrift.
  • Gibt es weitere Beweismittel? Auch Notizen, Briefe und E-Mails sagen viel aus.
  • Dokumentiere deine körperlichen, seelischen und sozialen Mobbing-Folgen.

Die JAV als Klimaschützer
Arbeitgeber müssen ihre Beschäftigten schützen. Und wer den eigenen Betrieb nicht so organisiert, dass niemandes Persönlichkeitsrechts durch Mobbing verletzt werden kann, muss nach §75 BetrVG dafür haften: „Alle im Betrieb arbeitenden Personen müssen nach den Grundsätzen von Recht und Billigkeit behandelt werden.“

Aber auch als JAV könnt ihr proaktiv gegen Mobbing vorgehen:

  • Schafft im Betrieb eine Anlaufstelle für Opfer.
  • Fordert von Täterinnen und Tätern, dass sie aufhören.
  • Schließt eine Betriebsvereinbarung gegen Mobbing ab und gestaltet einzelne Arbeitsverträge entsprechend mit.
  • Tretet dem Arbeitgeber bei Mobbing-Vorfällen auf die Füße und erinnert ihn an seine Pflichten.
  • Unterstützt Opfer ggf. beim Prozess vor dem Arbeitsgericht.
  • Fordert Schadenersatz wegen der Verletzung von Persönlichkeitsrechten und gesundheitlichen Schäden.
  • Wendet euch an den Betriebs- oder Personalrat und pocht auf die Einhaltung von Anti-Mobbing-Vereinbarungen.
    Der Betriebs- bzw. Personalrat kann berechtigte Beschwerden weiterverfolgen (§§ 84, 85 BetrVG).
    Kommt es zu keiner Einigung, kann er die Einigungsstelle anrufen. Auch gegen den Willen des Arbeitgebers.
    Im Extremfall kann der Betriebs- oder Personalrat auch vom Arbeitgeber verlangen, dass betriebsstörende Beschäftigte entlassen werden (§104 BetrVG).

Und: Mobbing ist oft eine fehlgeleitete „Lösung“ von vorhandenen Konflikten. Wenn ihr also das Klima im Unternehmen oder Betrieb verbessert, tut ihr das Bestmögliche, damit es gar nicht erst zu Fällen von Mobbing kommt.

Größte Konfliktfreiheit ist garantiert, wenn ihr:

  • Fehler in der Arbeitsorganisation erkennt und dafür sorgt, dass sie behoben werden;
  • kontrolliert, ob Arbeitsaufgaben und einzelne Verantwortlichkeiten klar sind;
  • darauf pocht, dass Entscheidungen im Betrieb so transparent wie möglich getroffen werden;
  • an entsprechenden Schulungen teilnehmt (§37 Abs. 6 BetrVG): Es gehört zwar nicht zum Grundwissen von JAVen, aber betriebliche Konfliktlagen reichen aus, um Schulungen zum Thema Mobbing als notwendig durchzuführen (BAG v. 15.1.1997, AiB 1997, 410).

Unterstützung gegen Mobbing durch deine Gewerkschaft
Nicht immer reicht in einer Konflikt- oder Mobbingsituation eine arbeitsrechtliche Beratung aus. Vor allem, wenn du selbst betroffen bist und deshalb sehr gestresst bist.

Wenn du gemobbt wirst oder Betroffene kennst, dann bleib damit nicht allein, sondern nimm Kontakt mit deiner JAV auf! Mit unserer Beratung und im gemeinsamen Austausch erkennst du Vieles klarer und findest bessere Lösungen.

Wir können dir im persönlichen Gespräch helfen, deine Situation zu klären und entwickeln in einem weiteren Schritt gemeinsam mit dir Handlungsmöglichkeiten. Alle Informationen, die im Rahmen einer solchen Konfliktberatung von dir offengelegt werden, unterliegen selbstredend dem Gebot der Vertraulichkeit und Diskretion.

Und selbst wenn es bis zum Äußersten kommt: Als Mitglied von ver.di helfen wir dir auch, deinen Fall vor dem Arbeitsgericht auszutragen!

Deswegen lautet unser erster Tipp gegen Mobbing am Arbeits- oder Ausbildungsplatz: Komm vorbei und sprich mit uns!

Immer für dich da, deine ver.di Jugend