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19.02.2013

Geschönte Statistiken zur Situation von Schulabgänger_innen

  • Hand mit Kreide, Tafel mit "Wortwolke" zum Thema Ausbildung

Gerade mal zwei Drittel der jungen Menschen haben tatsächlich einen Ausbildungsplatz

Von über 800.000 jungen Menschen, die sich 2012 um eine Ausbildung bemüht haben und als "ausbildungsreif" gelten, sind weiterhin mehr als 30 Prozent ohne Ausbildungsplatz.

In Sachen Zahlentrickserei sind sich alle einig: die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft, die Bundesregierung, die Bundesagentur für Arbeit (BA) und auch die Kultusministerien der Länder. Lediglich 7.700  Bewerber_innen um einen Ausbildungsplatz seien 2012 unversorgt geblieben.

Doch diese Bilanz ist eine Mogelpackung. Denn die Partner im so genannten "Ausbildungspakt" ignorieren dabei rund 250.000 Jugendliche, die zwar offiziell als versorgt gelten, aber faktisch keine Ausbildung bekommen haben.

"Arbeitgeber und Bundesregierung verschleiern die Realität", bringt ver.di-Bundesjugendsekretär Ringo Bischoff die Lage auf den Punkt. Tatsächlich kann von einem Bewerbermangel für Ausbildungsplätze in Deutschland nicht die Rede sein.

Der Ausbildungspakt zählte im September vergangenen Jahres 160.000 ausbildungsreife Jugendliche als "versorgt". Das bedeutet im Klartext, dass junge Menschen in Ersatzmaßnahmen wie Einstiegsqualifizierungen oder Praktika "geparkt" werden.

Ausbildungssituation weiter angespannt
"Die Bilanz suggeriert, der Ausbildungsmarkt sei entspannt", kritisiert auch DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock die Zahlentrickserei. "Wir brauchen allerdings eine ehrliche Ausbildungsmarktstatistik, die keine geschönte Lage vermittelt."

Umdenken ist gefragt: Junge Menschen, die keinen Ausbildungsplatz erhalten haben, müssen wahrheitsgemäß in der Statistik auftauchen und dürfen nicht als "versorgt" geführt werden. In Warteschleifen geparkte Jugendliche sind als unversorgte Bewerber_innen zu zählen. Auch muss die Praxis der BA ein Ende haben, frühzeitig junge Menschen als "nicht ausbildungsreif" auszusortieren, damit diese nicht mehr von der Statistik erfasst werden.

In Deutschland haben 2,2 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 34 keinen Berufsabschluss. Die Partner im Ausbildungspakt müssen mehr zur Qualifizierung von jungen Erwerbslosen ohne Ausbildung unternehmen. Zum Beispiel mit einem steuerfinanzierten Bundesprogramm, das Jugendlichen eine zweite Chance gibt.

Förderung so genannter "nicht ausbildungsreifer" Jugendlicher
Die IG BCE hat mit den Chemie-Arbeitgebern vereinbart, wie in den Betrieben junge Menschen unterstützt werden können, die mit schlechteren Voraussetzungen eine Berufsausbildung beginnen. Mit dem Programm "Start in den Beruf" fördern sie erfolgreich so genannte "nicht ausbildungsreife" Schulabgänger_innen.

Das betriebliche Programm ermöglicht, die eigene Ausbildungsfähigkeit zu verbessern und im Anschluss eine Ausbildung zu absolvieren. Rund 2.500 junge Leute haben bereits an "Start in den Beruf" teilgenommen. Die Erfolgsquote liegt bei über 80 Prozent.

ver.di Jugend unterstützt auch den Vorstoß der IG BCE: Die Gewerkschaftskollegen und -kolleginnen haben Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen vorgeschlagen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände an einen Tisch zu holen, um zu überlegen, wie sich dieses Modell auf andere Branchen übertragen lässt. Leider zeigte die Ministerin bisher keine Reaktion.

Es ist möglich, der angespannten Ausbildungsplatzsituation anders zu begegnen, als mit Zahlentrickserei. Die ver.di Jugend fordert vom Ausbildungspakt Ehrlichkeit – und effektive Projekte, um jungen Menschen gute Ausbildungen zu ermöglichen. Denn nur wer ausbildet, wird nicht über Fachkräftemangel klagen müssen.