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17.07.2012

Europäische Jugend in Prekarität

  • Demo-Plakat Ich empöre mich


Wenn die Perspektiven fehlen

Die Jugendarbeitslosigkeit grassiert europaweit und ist seit der Euro-Krise laut Eurostat mit 22 Prozent auf einem historischen Rekordhoch. In einigen Ländern wie Griechenland oder Spanien beträgt sie sogar über 50 Prozent. Wie ein sicherer Hafen wirkt da der deutsche Arbeitsmarkt und seine niedrige Jugendarbeitslosigkeit. Doch der Schein trügt. Sichere und faire Arbeitsbedingungen sind auch in Deutschland keine Selbstverständlichkeit mehr.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Dieses Mantra gilt seit den 90er Jahren für Jugendliche in Europa nicht mehr. Denn seitdem wächst die Zahl der arbeitslosen Jugend europweit und wird nach Studien der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) auch weiter wachsen. Von 2008 bis 2011 ist allein die Anzahl jugendlicher Arbeitsloser zwischen 15 bis 24 Jahren durchschnittlich um 26,5 Prozent gestiegen. Eine Kehrwende soll es laut ILO mittelfristig auch nicht geben. Die fortwährenden Euro-Krise tut da ihr übriges.

Es ist Europas Jugend, die der Krise ein Gesicht gibt: In Spanien und Griechenland ist jede_r Zweite heute arbeitslos. Aber auch in Italien, Irland und Portugal ist jeder Dritte unter 25 Jahren ohne Job. Insgesamt sind das europaweit 5,5 Millionen im Alter zwischen 14 und 25 Jahren. Das ist fast ein Viertel der Jugendlichen.

Es geht aber nicht nur um Arbeit haben oder nicht haben. Prekarität ist das richtige Wort und ein Gefühl, dass Europas Jugend unabhängig von Bildung und Qualifikation kennt. Ob Jungakademiker_in oder Arbeitslose, viele fühlen sich heute um eine sichere Zukunft für den eigenen Lebensweg betrogen.

„Deutschland geht´s doch gut“
Deutschland hat mit 7,9 Prozent im vergangenen Mai die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in ganz Europa. Nur während der Wirtschafts-und Finanzkrise von 2008 und 2009 kletterte die Quote bei den bis zu 24-Jährigen auf 12,5 Prozent. Doch seit die Wirtschaft dank steigender Exporte wieder brumt, ist alles wieder gut auf dem deutschen Arbeitsmarkt? Leider nein. Das Spiel mit den Quoten geht für junge Leute nicht ganz auf. Aus zwei Gründen.

Welche Traumquote?
Auf der einen Seite ist die geringe Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland dem dualen Ausbildungssystem zu verdanken, das Praxisnähe schafft. Die enge Verzahnung von Wirtschaft und Ausbildung bereitet junge Leute sehr gut auf den Arbeitsmarkt vor. Dieses Erfolgssystem ist vor allem auch dem Einfluss der Gewerkschaften zu verdanken.

Auf der anderen Seite drücken aber die staatlich finanzierten Qualifizierungsmaßnahmen die Quote zusammen mit einer ohnehin längeren Schulbildung in Deutschland herunter. Jedes Jahr landet rund ein Drittel der Jugendlichen, die eine Ausbildung absolvieren möchten, in berufsvorbereitenden Maßnahmen und verzerren so die Statistik. Die Chance auf einen Ausbildungsplatz erhöhen diese Maßnahmen jedoch kaum.

Wer von dieser Quote erst gar nicht erfasst wird, sind die rund sechs Prozent Jugendlichen in Deutschland, die jedes Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen. „Den stabilen Sockel der Abgehängten“ nannte kürzlich der Bildungsbericht diese Jugendlichen ohne Anbindung an den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Denn ohne Schulabschluss keine Ausbildung und ohne Ausbildung keine Arbeit. 1,5 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 29 Jahren sind von diesem Schiksal betroffen.

Atypische Beschäftigung
Deutschlands Wirtschaft wächst, neue Arbeitsplätze entstehen. Doch der Aufschwung geht nicht einher mit sicherer Beschäftigung. Das ist der zweite Grund, der den Glanz der niedrigen Jugendarbeitslosigkeitsquote mattet. Arbeit ist zwar da, aber auch hierzulande zu prekären Verhältnissen: Leiharbeit, Werkverträge, Minijobs, Teilzeit, befristete Stellen. Atypische Beschäftigung nennt sich das. Und diese ist unter Jugendlichen besonders hoch. So fehlt auch hierzulande eine echte Perspektive für junge Menschen.

Die kürzlich veöffentlichte IG Metall Jugend-Studie bestätigt erneut das Bild einer unsicheren Generation. Jede_r Dritte unter 35 Jahren befindet sich in einer atypsichen Beschäftigung. Ungewollt, wie ein zweites Ergebnis der Studie lautet. Die meisten Befragten der Studie empfinden ihre Situation als psychisch belastend. Ein schwieriger Einstieg in das Berufsleben wird zur Normalität und hat Konsequenzen für das eigene Leben wie für die Gesellschaft. Die Sorge um den Job hält junge Menschen von anderen Dingen wie Familienplanung oder gesellschaftlichen Engagement ab. Eine lebendige Demokratie benötigt aber gerade Letzteres.

Arbeitsrechte aushöhlen
Weder die Europäische Union noch die nationalen Regierungen haben bisher eine Strategie gefunden, um auf das Phänomen der Jugendarbeitslosigkeit und steigenden Prekarität nachhaltig zu reagieren. In Spanien, Italien und Frankreich etwa versucht man mit neuen Arbeitsvertragsformen, einer Beschneidung des Kündigungsschutzes und niedrigeren Löhne für junge Arbeitnehmer_innen gegen zu steuern. In Deutschland hat die Regierung diesen Weg bereits mit den Hartz-Gesetzen beschritten.

Die Unsicherheit und Angst vor der nächsten Konjunkturdelle veranlasste Unternehmen ganze Betriebsbereiche an externe Dienstleister auszulagern. Die Beschäftigten arbeiten dann zu schlechteren Konditionenn in Leiharbeit weiter. Solche Strategien höhlen systematisch Beschäftigtenrechte aus. Sie schaffen Flexibilität für die Unternehmen, aber um welchen Preis für junge Beschäftigte?

„Unsichere Zukunftsperspektiven zum Berufseinstieg erschweren den Aufbau der eigenen wirtschaftlichen Existenz und erschweren die Familienplanung“, äußert sich Ringo Bischoff, verdi-Bundesjugendsekretär, zu dem Phänomen zunehmender Prekarisierung junger Beschäftigter. „Junge Erwachsene sollen selbstbestimmt und mit fairen Chancen diese spannende Lebensphase verbringen können. Dafür setzen wir uns ein.“