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05.11.2012

In der Warteschleife

  • Formular für einen Berufsausbildungsvertrag nach BBiG

In der Warteschleife

Eine Expertise des DGB deckt Mängel im Übergangssystem auf: 300.000 Jugendliche bleiben zwischen Schule und Ausbildung hängen.

Praktika absolvieren, Bewerbungstrainings machen, Schulstoff nachholen – so sieht der Alltag fast jedes dritten jungen Menschen aus, der eine berufliche Ausbildung starten will. Die Jugendlichen landen häufig in einer der zahlreichen Übergangsmaßnahmen zwischen Schule und Ausbildung. Eine Chance auf einen Ausbildungsplatz haben sie allerdings kaum, denn diese Bildungsgänge vermitteln zwar berufliche Grundkenntnisse, jedoch keine anerkannten Berufsabschlüsse.

Nach einer aktuellen Expertise des DGB befanden sich Im Jahr 2011 rund 294.000 Jugendliche in einer solchen Maßnahme. Das heißt 28,4 Prozent der Neuzugänge im gesamten Berufsbildungssystem mündeten in diesen Teilbereich, der keinen qualifizierten Berufsabschluss bietet. Und dabei viel Geld kostet: Zurzeit belastet er die öffentlichen Haushalte mit rund 4,3 Milliarden Euro.

Betriebe haben die freie Wahl
Zwar steht formal allen Jugendlichen eine betriebliche Ausbildung offen – ganz unabhängig vom Schulabschluss. Auf dem realen Arbeitsmarkt aber entscheidet der Arbeitgeber über den Einstieg in das duale System. Aufgrund der Fülle von Bewerber_innen betreiben Personalabteilungen seit Jahren quasi eine „Bestenauslese“.

Die Folgen sind gravierend: 2,2 Millionen Menschen zwischen 20 bis 34 Jahren haben keinen Berufsabschluss. „Diese abgehängte Generation wird größte Schwierigkeiten haben, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Fast jede und jeder dritte Jugendliche im Übergangsbereich hat auch nach zwei Jahren noch keinen Ausbildungsplatz. Diese jungen Menschen sind von andauernder Ausbildungslosigkeit bedroht“, warnt Beate Mensch vom Bundesvorstand der ver.di.

Auswege aus der Situation
Nichts ist in Stein gemeißelt – es gibt gute Optionen, dem Problem effektiv zu begegnen:

  • Intensivere Berufsorientierung gewährleisten: Die individuelle Berufswegplanung muss fest in der Schule verankert werden.
  • Leistungs- und Beratungsangebot vor Ort bündeln: Sinnvoll sind Jugendberufsagenturen als zentrale Anlaufstelle, die Jugendliche umfassend informieren und ihnen Beratung aus einer Hand bieten.
  • Neue Strukturen für den Übergang schaffen: Jugendliche, die nur wegen mangelnder Angebote keinen betrieblichen Ausbildungsplatz finden, sollten spätestens sechs Monate nach Beginn des Ausbildungsjahres einen Rechtsanspruch auf eine Ausbildung erhalten.
  • Einstellungsverhalten der Betriebe ändern: Die Abschottung vieler Ausbildungsberufe für Jugendliche mit niedrigeren Schulabschlüssen muss beendet werden. Ebenso ist der Ausbau ausbildungsbegleitender Hilfen notwendig.
  • Tarifverträge für die Ausbildung nutzen: Die Tarifparteien können sich für Jugendliche mit schlechten Startchancen einsetzen.
  • Betriebliche Ausbildung honorieren: Immer weniger Betriebe tragen Verantwortung für die Ausbildung. Branchenfonds zwischen den Tarifpartnern können hierbei einen fairen finanziellen Ausgleich zwischen ausbildenden und nichtausbildenden Betrieben schaffen.

Politik ist gefragt
Die große Anzahl junger Menschen im Übergangsbereich ist ein zentrales gesellschaftliches Problem. Viele von ihnen geraten in dauerhafte Schwierigkeiten bei ihrer Suche nach einem Ausbildungsplatz.

„Derartig schlechte Perspektiven können wir uns nicht leisten. Schon gar nicht vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des drohenden Fachkräftemangels“, warnt Beate Mensch. „Der Abbau der Warteschleifen im Übergangsbereich muss definitiv in die Mitte der Bildungspolitik rücken.